Jo's DreamA bike. A tent. A year.

USA

The heart of the United States beats through towering forests, undulating fields, high-plain deserts, pulsating metropolises and offbeat oases.a.

Von Monterey nach San Lucas, California

29. Oktober 2024

Früh am Morgen wache ich auf. Auf dem Campingplatz ist es noch ruhig. Die Temperaturen außerhalb des Zeltes liegen um die drei Grad. Die Kälte zwickt an den Händen. Ich versuche, mich zu bewegen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.

Als ich 30 Minuten später mein Zelt abgebaut und auf dem Fahrrad verzurrt habe, ist mein Körper warm. Ich verlasse den Campground. Der Eingang ist offen aber unbesetzt.

Und so verlasse ich fast unbemerkt diesen kleinen, stillen Park mit seinem hübschen Hiker/Biker Campsite.

Auf dem Weg hinunter zum Strand stehen gleich neben der Straße zwei Maultierhirschkühe. Sie beobachten mich zwar, zeigen aber keine größere Scheu.

Erinnerungen an das niederländische Zandfort werden wach – da haben die Rehe auch ihre Scheu verloren und wagen sich zwischen Häuser, parkende Autos und Menschen.

Kurz darauf verlasse ich über die ansteigende Dune Crest Avenue Monterey. Für die nächsten 6 – 7 Meilen geht es auf dem Weg aus der Stadt, auf dem ich gestern Abend hereingekommen bin. War ich gestern Abend müde und unaufmerksam, so bin ich heute morgen hellwach und nehme die Landschaft viel intensiver wahr.

Der Monterey Bay Costal Trail führt durch eine schmale, sich an der Küste entlang erstreckende Dünenlandschaft. Eingezwängt zwischen dem Pazifik und dem Highway und nur wenige 100 m breit, erstreckt sie sich über mehr als 20 Meilen entlang der Monterey Bay in Richtung Nord-Nordost.

Es gibt zahlreiche Verwehungen auf dem Radweg, die das Weiterfahren mitunter deutlich erschweren.

An einigen Stellen muss von Zeit zu Zeit der Radweg vom Flugsand befreit werden.

Das Betreten der Dünen entlang der gesamten Fahrradstrecke ist verboten. Das gibt den Pflanzen in den Dünen die Möglichkeit, sich nach und nach anzusiedeln und ganze Matten zu bilden.

An einigen exponierten Stellen haben sich Wanderdünen gebildet, die den Radweg auf einem längeren Abschnitt gefährden. Auch hier muss immer wieder für Abhilfe gesorgt werden.

Kurz vor Erreichen des Fort Ord Dunes Stateparks erreicht diese Pflanzenart eine flächendeckende Ausdehnung und gibt der Landschaft mit ihren vereinzelt stehenden, tiefwurzelnden Zypressen ein reizvolles Aussehen.

Im Gegenlicht wird der Leuchteffekt noch deutlicher.

Über weite Strecken verwandelt sich die Dünenlandschaft in dieser Jahreszeit in ein in unzähligen Rottönen leuchtendes Pflanzenmmeer.

Kurz hinter dem Fort Ord Dunes Statepark finde ich einen Elektronikladen, wo ich mir zwei neue Powerbanks kaufe. Jetzt muss ich nur noch eine Gelegenheit finden, sie aufzuladen.

Nach ca 7 Meilen verlasse ich den Dünensaum und es geht ins Landesinnere ab. Auch hier finde ich wieder Pumpkin Patches. Es erstaunt mich immer wieder, wie tief verwurzelt diese Tradition in der amerikanischen Gesellschaft ist.

Mein Weg führt mich heute durch ein langgezogenes, von Nord-Nordwest nach Süd-Südost verlaufendes, brettebenes Tal, das an beiden Seiten von niedrigen Bergzügen begrenzt wird.

Die Talebene wird landwirtschaftlich genutzt. Hier wird all das angebaut, was man im Obst- und Gemüseladen um die Ecke findet. Außerdem reifen auf vielen Flächen die Rebsorten für den kalifornischen Wein.

Folgt man auf der Straße dem River Road Wine Trail, so gelangt man zu unzähligen Weingütern, die teilweise sehr gute Weine herstellen.

Dabei erstreckt sich das Weinanbaugebiet auf beiden Seiten des Salinas Rivers bis an den Fuß der Bergketten, zwischen denen das langgezogene Tal liegt.

Neben Wein werden z. B. auch Kohl, Karotten und Petersilie angebaut, um nur einige, wenige Gemüsesorten zu nennen.

Während das Bestellen der Felder maschinell erfolgt, wird auf vielen Feldern manuell geerntet …

… und wie schon die Tage zuvor, gibt es Tätigkeiten, die von Farmarbeitern und Erntehelfern verrichtet werden. Was diese Männer auf dem Feld tun, vermag ich nur zu vermuten. Ein Gespräch war mit keinem von ihnen möglich.

Toilettenwagen am Feldrand

Feldarbeiter bei der Arbeit

Petersilie und weitere Gewürzpflanzen entlang der Straße, die durch die Felder führt.

Schließlich erreiche ich die Mission Nuestra Senora de la Soledad. Ich freu mich schon auf einen Besuch dieser im Jahre 1791 gegründeten Mission. Aber ich habe Pech. Die Mission ist geschlossen und weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

Zwar kann ich mich draußen ein wenig umsehen, aber begeistert bin ich nicht. Der riesige, staubige Parkplatz gleich neben dem kleinen Blumengarten der Mission erschlägt alles. Ein wenig enttäuscht setze ich meine Fahrt fort.

Es ist bereits spät am Nachmittag, als auf den Feldern die Bewässerung einsetzt. Als sich die Sonne anschickt, hinter der zerklüfteten Santa Lucia Range im Westen zu versinken, erreiche ich King City.

Viel ist hier nicht los. Ein Quartier habe ich noch nicht gefunden. Es wird wohl eine wilde Nacht. So entscheide ich mich, noch ein Stündchen zu fahren. Was ich dabei ganz vergesse ist die Tatsache, dass ich bereits über 60 Meilen hinter mir habe. Und als ich schließlich den nächsten Ort San Lucas erreiche, ist es bereits dunkel.

Ein kleiner Laden neben der Straße hat noch geöffnet. Ich frage den Verkäufer, ob er eine Idee hat, wo ich mein Zelt aufschlagen kann. Eine wirkliche Idee hat nicht, aber er meint, dass alle Bürger dieses Dorfes freundlich sind und bereit währen, mir zu helfen. Also fahre ich ins Dorf San Lucas hinein und klopfe an der erstbesten Haustür.

In der Tür öffnet sich ein Fenster, das mit einer Lochplatte nach außen geschützt ist. Ich kann zwar niemanden erkennen, aber zumindest die Frauenstimme deutlich hören. Kurz darauf kommt eine Männerstimme hinzu. Ich trage mein Anliegen vor.

Leider kann man mir nicht helfen. Ich soll ein Haus weiter gehen. Dort wohnt die Bibliothekarin des Dorfes. Die kann besser Englisch und sie kenne sich im Dorfe besser aus.

So versuche ich mein Glück an ihrer Tür. Die Dame kommt heraus. Und nachdem ich mein Anliegen vorgetragen habe, bittet sie mich, einen Augenblick zu warten und verschwindet wieder im Haus. Kurze Zeit später kommt sie wieder heraus.

Es ist bereits 18.40 Uhr. Um 19.00 Uhr hat sie einen Bibelkreis in der kleinen Kirche des Dorfes. Sie weiß, dass es hinter der Kirche eine kleine Grünfläche gibt, die sich zum Zelten eignet. Vor der Kirche treffen wir Maria, eine weitere Teilnehmerin des gemeinsamen Bibelkreises. Maria ist gleichzeitig für die Kirche zuständig und erlaubt mir, mein Zelt hinter der Kirche aufzuschlagen.

Erleichtert atme ich auf und fange sofort an, mein Zelt im Schein meiner Stirnlampe aufzubauen. Maria und die Bibliothekarin unterhalten sich noch ein paar Minuten mit mir.

Die Bibliotekharin, die übrigens Amparo (Schutz) heißt, legt mir noch einen Stock zu meinen Füßen. Sie meint, dass es gut sein könne, dass Hunde vorbeikommen. Zum Fernhalten der Hunde sei ein ordentlicher Stock ganz gut geeignet. Dann ziehen sich Beide in die Kirche zurück und ich bin allein.

Sie haben mich noch gewarnt, dass es in dieser Nacht sehr kalt werden soll. Und so krieche ich in meinen Schlafsack und versuche, zur Ruhe zu kommen. Bis nach Mitternacht gelingt mir das nicht.

Im Dorfe hat wohl jeder einen Hund. Und diese Hunde sind nachts außerhalb des Wohnbereichs im Hof eingesperrt. Schlägt der erste Hund lautstark an, geht sofort darauf ein bellendes Lauffeuer durch das ganze Dorf.

Dieses laute Hundegegebell hält bis nach Mitternacht an. Irgendwann muss ich dann eingeschlafen sein.

Von Santa Cruz nach Monterey, California

28. Oktober 2024

Am frühen Morgen bietet mir Jeannine ein Frühstück an, dass ich gerne annehme. Außerdem darf ich mir noch ein paar Energybars aussuchen und mitnehmen. Es ist schon großartig, was beide für mich tun.

Für mich sind sie ein außergewöhnliches Ehepaar. Jeannine ist sportlich, durchtrainiert und begeisterte Radsportlerin. Sie nimmt gelegentlich an Radrennen teil.

Eric ist bereits im Ruhestand. Er hat viele Jahre lang im Autosport unter anderem als Ingenieur für den Lotus Rennstall gearbeitet. Außerdem hat er 3 Mal an der Rallye Paris Dakar erfolgreich teilgnommen. Wann immer er erzählt, begleitet ein fröhliches Lachen seine Geschichten.

Vor der Haustür stehen unter anderem ein Sportwagen der Marke Fisker Modell KARMA, sowie ein Range Rover mit 500 PS Leistung. Insbesondere der Karma weist einige technische Innovationen auf, die zukunftsweisend sein könnten.

Darunter das Autodach, das komplett mit Solarzellen ausgestattet ist. Eric erzählt, dass die Kapazität ausreicht, um im Sommer, wenn das Fahrzeug in der Sonne abgestellt und der Motor ausgeschaltet ist, den Innenraum auf 25°C zu halten.

Leider wurde die Produktion der Marke Fisker vor Jahren eingestellt. Als Grund gab Eric an, dass die staatliche Unterstützung der USA in dieser Zeit Elon Musk’s Unternehmen zugute kam und Fisker nicht berücksichtigt wurde, da der Topf leer war.

Seine andere Leidenschaft gilt dem Motorradsport. In seiner Garage stehen etliche wunderschöne Motorräder. Unter vielen anderen auch eine Yamaha Ténéré.

Auffällig sind die Schläuche am hinteren Ende der Sitzbank, die in die beiden Zusatztanks führen. Ich hab von all der Technik nicht so viel Ahnung. Wichtiger ist mir die Begegnung mit Eric, der in den höchsten Tönen von seiner Leidenschaft schwärmt. Da fällt mein Fahrrad viel bescheidener aus.

Gegen 9 Uhr verlasse ich die beiden. Es war ein bemerkenswerter, kurzer, toller Aufenthalt bei zwei Menschen, die das Leben in vollen Zügen genießen und mich für die Dauer meines Aufenthalts in ihrem Hause haben daran teilnehmen lassen.

Über die Walnut Avenue erreiche ich einige Minuten später die 12. kalifornische Mission, die Missión La Exaltación de la Santa Cruz, die 1791 von den Franziskanern gegründet wurde.

Von der einstigen spanisch-kalifornischen Mission ist nichts geblieben. Nach mehreren Erdbeben in den vergangenen Jahrhunderten wurden die Reste der Mission irgendwann abgerissen.

Das heutige kleine Gebäude der Missionskapelle ist eine Nachbildung in der Nähe des ursprünglichen Standortes. Mein Besuch der Innenräume der Mission ist nicht möglich. Die Tür ist verschlossen. Und so mache ich mich auf den Weg aus der Stadt.

Noch einmal fahre ich an der alten, hölzernen, weiß-rot gestrichenen Achterbahn vorbei.

Noch einmal werfe ich einen letzten Blick zurück auf dieses technische Wunderwerk aus dem frühen 20sten Jahrhundert, bevor ich über eine Radwegbrücke die Stadt Richtung Süden verlasse.

Ich passiere das Walton Lighthouse und radle die Küste entlang. Es gibt nur wenige Steigungen und so komme ich bequem und rückenschonend voran.

Die kleinen Badestrände sind so früh am morgen noch weitestgehend leer.

Die Buchten, in denen die Wellenberge auflaufen, bieten schon am Morgen ein anderes Bild.

Hier haben sich bereits viele Surfer versammelt, die mit großem Eifer immer wieder die Wellenberge mit ihren Boards hinabgleiten.

Nahe meines Weges komme ich an einem Haus vorbei, dass großzügig für Halloween geschmückt wurde. Im Vorbeifahren frage ich mich, wie viel Platz es bedarf, um nach Halloween all diese Gestalten und die Deko-elemente bis zum nächsten Jahr zu verstauen.

In den letzten Tagen habe ich viele solcher geschmückter Häuser gesehen. Nach Halloween folgt Ende November der nächste Deko-Termin mit Thanksgiving. Und gegen Ende Dezember Christmas und New Year.

Ich bin gespannt, was ich zu diesen Terminen vor den Haustüren finden werde. Erst einmal steht jetzt Halloween bevor, und dann werde ich weitersehen.

Hinter jeder Kurve finde ich eine neue Bucht und im auflaufenden Wasser fast immer einen Haufen auf die richtige Welle wartender Surfer.

Das Spiel mit den Wellen ist eine beliebte Sportart, die 1983 noch längst nicht so weit verbreitet war.

Neben der Straße leuchtet ein Goldmedallion Baum grell in der Morgensonne.

Einige Straßen weiter zieht ein pinkrot blühender Florettseidenbaum alle Aufmerksamkeit auf sich.

Südlich Capitola erreiche ich Potbelly Beach. Hier haben sich etliche Häuslebauer ihr Eigenheim am Fuße der Klippe wenige Meter vom Pazifik entfernt und fast auf Meeresniveau errichtet.

Ich bin erstaunt, weisen doch die Beschilderungen an den Straßen, die vom Meer ins Landesinnere führen darauf hin, dass sie als Tsunami Fluchtrouten ausgewiesen sind. Für mich ein Widerspruch.

Gewiss, die Lage der Häuser ist in jeder Hinsicht einzigartig. Ich kann mir vorstellen, dass eine Versicherung für diese Häuser extrem teuer ist. Und das wiederum lässt vermuten, dass manch eines dieser Häuser nicht versichert ist. so wünsche ich den Menschen, die in diesen Häusern wohnen, viel Freude und noch viel mehr Glück.

Hinter Potbelly Beach verlasse ich die Küste. Weiter geht es durch Farmland. Ich weiß nicht, was hier angebaut wird. Es ist kein Spargel. Die meisten Felder sind mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem ausgestattet.

Diese Felder ziehen sich über weite Strecken und über etliche Bergkuppen links und rechts der Straße hinweg.

Auf den Feldern herrscht während des Tages reger Betrieb. Die Feldarbeit beginnt morgens, sobald es hell wird. In diesen Tagen sinken die Temperaturen über Nacht und erreichen ihren Tiefpunkt von um die 2-3°C gegen Morgen.

Tagsüber steigen die Temperaturen zwar um die 20°C. Der starke, von der See her kommende Wind kühlt allerdings die Körper der Menschen nach Stunden aus. So sehe ich immer wieder Arbeiter, die sich zum Schutz gegen den mitunter beißenden Wind Folienbahnen über die Schultern bis hinunter zu den Knien binden.

Es ist eine Knochenarbeit. Und ich sehe die Arbeiter bis um fünf Uhr auf den Feldern.

Die Toilettenhäuschen sind mobil gestaltet. Meist findet man hinter den Toiletten Waschbecken und Seife. In diesem Bild wird die Rückseite allerdings als Garderobe genutzt.

Nach einiger Zeit kehre ich an die Küste zurück. Über den Monterey Coastal Bay Trail erreiche ich schließlich die gleichnamige Stadt. Der Fuß- und Radweg führt mehrere Meilen durch eine wunderbare Dünenlandschaft. An manchen Stellen jedoch behindern Verwehungen ein zügiges Vorankommen.

Mit Einbruch der Dämmerung erreiche ich den Veterans‘ Memorial Statepark in Monterey. Er liegt 136 m über der Stadt. So heißt es noch einmal: Alle Kräfte sammeln und im 1. Gang ganz langsam den Berg hinauf.

Für 8 Dollar kann ich mein Zelt im Hiker/Biker Bereich aufstellen. Mittlerweile ist es richtig kalt und ich fange an zu frieren. So spute ich mich und keine ¼ Stunde später bin ich im Schlafsack verschwunden. Es ist gerade genug Zeit, noch die Zähne zu putzen. Und dazu brauche ich nicht einmal mehr die Hand zu bewegen, so stark zittere ich vor Kälte.

So bin ich froh, dass der Tag zu Ende geht und ich mich in meinen warmen Schlafsack kuscheln kann. Es war ein richtig guter Tag. Und danke, dass auch Ihr wieder dabei wart.

Von Half Moon Bay nach Santa Cruz, California

27. Oktober 2024

Wie erwartet scheint mir am Morgen die Sonne ins Gesicht. Früh bin ich hoch, um den Tag und das Tageslicht zu nutzen. Auch die anderen Radwanderer, wir sind insgesamt 10 sind auf. Jeder ist am Packen. Eine Stunde später wird die Campsite bereits leer sein.

Es geht in alle Himmelsrichtungen. Vier wollen in den Norden. Drei in den Süden und zwei nach Osten aufbrechen. Das Ehepaar, das ich gestern traf, überlegt, ob es den Zug nimmt. Eine Option, die auch ich in Erwägung ziehe, falls der Rücken Probleme macht.

Am Strand sehe ich zwei Angler, die in der Brandung auf Fischfang sind.

Und bereits wenige Kilometer südlich Half Moon Bay liegen die Kürbisse auf dem Feld. Bereit für Halloween.

Ein Teil der Küstenstraße liegt heute morgen im vom Ozean hereinziehenden Nebel. Er ist nasskalt. Nieselregen setzt ein und beschlägt meine Brillengläser. Ich schütze mich mit meiner wattierten Patagonia Jacke gegen die nasse Kälte.

Den Nebelschleier bekomme ich nicht von den Gläsern runter. Nachdem ich die Gläser geputzt habe, dauert es nur Sekunden, bis sie wieder beschlagen sind.

Ich hoffe, dass der Nebel sich auflöst. Aber der Blick aufs Meer sagt etwas Anderes. In dieser Bucht wird sich der Nebel noch länger aufhalten.

So radle ich durch den Nebel und erfreuen mich an den Brandungswellen, die über die vorgelagerten Riffe und Felsen ans Ufer schwappen.

In den Brandungswellen kann ich in diesem Abschnitt kleine Pflanzen erkennen, die an Palmen erinnern. Es ist erstaunlich, mit welcher Kraft sie den herandonnernden Wellen Widerstand leisten, ohne zu brechen.

Auch in der nächsten Bucht sieht es nicht besser aus. Der Horizont verschwindet auch hier im Nebel.

Ein paar Buchten weiter lichtet sich dann langsam der Nebel und die ersten Sonnenstrahlen brechen durch …

… und als ich Pigeon Point Lighthouse erreiche, eine weitere halbe Stunde später, ist die Frische des Morgens verschwunden und ich kann meine wattierte Jacke ablegen.

Pigeon Point Lighthouse wird auch heute noch als Hostel betrieben. Allerdings war vom Leuchtturm nichts zu sehen. Er war eingerüstet. Und das seinerzeit 1983 noch zum Hostel gehörige größere Hauptgebäude wird heute als kleines, maritimes Museum genutzt.

Wegen der Bauarbeiten kann ich den einstigen Charme nicht erkennen. Und so entscheide ich mich, hier auf der Baustelle nicht zu übernachten sondern weiter zu fahren Richtung Santa Cruz.

Noch ein letzter Blick auf die gefährlichen Klippen unterhalb des Leuchtturms.

Dann geht es weiter. Vorbei an Pampasgrasbeständen, die die Hänge hinaufreichen und mit ihren hellen Fruchtständen einen lebhaften Kontrast zur Umgebung bilden.

Vorbei an Graswiesen, die langsam die Farben des Herbstes annehmen.

Am Strand entlang des Pazifiks.

Vorbei an Klippen und mächtigen Felsen, die im Uferbereich aus dem Meer ragen und daran erinnern, dass sie einst zum Festland gehörten.

Schließlich erreiche ich Santa Cruz mit seiner berühmten, ca 100 Jahre alten, hölzernen Achterbahn. Für mich ein erfreuliches Wiedersehen.

Äußerlich hat sich nicht viel verändert. Sicher, die Technik wurde den modernen Zeiten angepasst. Aber die Begeisterung ist genau dieselbe wie 1983, als ich Big Dipper, wie die Bahn auch genannt wird, das erste Mal sah.

Einen besonders reizvollen Blick auf den Bordwalk mit Big Dipper hat man von der 836 Meter weit ins Meer ragenden Santa Cruz Wharf. Sie ist fast bis zum Ende mit dem Auto befahrbar. Fahrräder und Fußgänger sind bis zum Ende der Wharf erlaubt.

Besonders kurz vor Sonnenuntergang leuchtet der Bordwalk vor den dunklen Bergen im Hintergrund in allen Farben. Und Big Dipper bietet dann die schönste Ansicht.

Auf der Wharf herrscht reges Treiben. Wer will, kann ein Tänzchen wagen …

… oder einfach seine Angel auswerfen und auf einen guten Fang hoffen.

Eine Attraktion sind auch die zahlreichen Seelöwen, die mit ihrem Lärm schon von weitem auf sich aufmerksam machen.

Träge liegen sie in der wärmenden Abendsonne neben der Wharf auf eisernem Gerüst …

… das sich etwa 1,20 m über der Wasseroberfläche befindet. Und nicht alle Seelöwen erreichen dieses bevorzugte Sonnendeck.

Auch wenn die Seelöwen mitunter recht putzig ausschauen, so sind es doch mächtige Raubtiere, mit denen nicht zu spaßen ist.

Und während die alten, mächtigen Bullen auf dem eisernen Gerüst ruhen, versucht der Nachwuchs eifrig, die noch leeren Plätze zu ergattern.

Es erstaunt mich, mit welchem Eifer die Tiere immer und immer wieder versuchen, aus dem Wasser auf dieses hoch aus dem Wasser ragende Gerüst zu gelangen.

Nach einem letzten Blick aufs Meer mache ich mich auf den Weg zu meinen Gastgebern, die mich bereits erwarten.

Eigentlich wollte ich um 18.00 Uhr da sein. Aber ich habe mich gründlich verkalkuliert und erreiche mein Ziel erst gut eine Stunde später. Zwar hatte ich meine Gastgeber kurz vor 18.00 Uhr noch informiert, dass ich später komme. Aber es ist mir trotzdem unangenehm.

Meine heutigen Gastgeber heißen Jeannine und Eric. Der Empfang ist herzlich und das Gästezimmer wunderschön. Auch hier verbringe ich nach einem leckeren, reichhaltigen, gemeinsamen Dinner einen reizvollen Abend mit tollen Gesprächen.

Auch heute hilft man mir bei der Planung des nächsten Tages. Auch hier finde ich einen warmen Platz zum Ausruhen. Besonders mein Rücken bedankt sich bei dem guten Bett.

Eigentlich sind all die Abende immer viel zu kurz. Habe ich doch ständig den Wunsch, mit den Menschen mehr zu kommunizieren. Trotzdem bin ich jedesmal dankbar für die großartige Gastfreundschaft und die in der kurzen Zeit geführten Gespräche.

Und jede dieser Begegnungen verwandelt sich in eine wunderschöne Perle, die in meiner Schatzkiste mit der Aufschrift: Jo’s Dream landet. Langsam füllt sich mein Traum-Kästchen. Und ich freu mich schon auf die Perlen der nächsten Tage. Gute Nacht.

Von San Francisco nach Half Moon Bay, California

Maureen und Roy mit ihrem Wahlmotto

26. Oktober 2024

Ich bin früh unterwegs. Der Abschied von meinen Gastgebern war kurz. Fast hätte ich geweint. Aber die Unruhe treibt mich, meine Reise fortzusetzen.

Schon am ersten Berg, ich bin noch nicht raus aus der Stadt, macht sich mein Rücken unangenehm bemerkbar. Also reduziere ich meine körperliche Belastung und fahre die Berge im ersten oder zweiten Gang hinauf. Das ist zwar langsamer. Aber auch kräfte- und rückenschonender.

Die Vororte San Franciscos ziehen sich ein paar Meilen hin. Es geht bergauf und bergab. Gott sei dank sind die Straßen in den Wohnvierteln längst nicht so überlastet wie in San Francisco selbst. Und so komme ich trotz langsamerer Fahrweise doch ganz gut voran.

Manch Pumpkin hat mittlerweile seinen Weg vom Pumpkin Patch in den Vorgarten gefunden. Sehr zur Freude vorbeikommender Kinder und Erwachsener.

Auf meiner Reise durch die USA sind mir wiederholt lange Schlangen besonders vor Kirchengebäuden aufgefallen. Hier stehen die Menschen an, deren Geld für Essen und Dinge des täglichen Bedarfs nicht reicht.

Es sind in der Regel von den Supermarktketten gespendete Lebensmittel, deren Verfallsdatum fasst erreicht ist. Manches Lebensmittel, dass sich schlicht nicht gut verkaufen lässt, landet ebenfalls auf diesen Gabentischen. Shampoo, Seife, Wäsche und Kleidung. Oftmals reicht es nicht für alle.

Was mich bei alledem jedoch wundert, ist die Tatsache, dass viele der Wartenden nach dem Verlassen der Kirchengebäude mit gefüllten Taschen zu ihren Autos eilen.

Ich kenne die Gründe für die Not nicht, welche die Menschen zu diesen Ausgabestellen treibt. Und ich habe auch den Eindruck, dass es sich nicht um die große Gruppe der wirklich Obdachlosen handelt, die dort anstehen. Sie sind im Erscheinungsbild fast aller Städte sichtbar und bereiten vielen Städten auch große Sorgen.

Oftmals tragen sie wirklich das letzte Hemd am Leib. In der Schlange auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich keinen dieser Obdachlosen. Und ich bin dankbar, dass diesen Menschen geholfen wird.

Über den Lake Merced Boulevard verlasse ich endgültig San Francisco …

… und erreiche über den Skyline Drive Dale City an der Pazifikküste.

Eine kurze Strecke geht es den Berg hinab bis auf Meeresniveau. Und gleich darauf wieder hinauf über den ersten höheren Berg, hinter dem Pazifica im Talkessel liegt.

Noch einmal möchte ich bei Laura und Greg vorbeischauen und mich für die liebevolle Aufnahme, die schon ein paar Tage zurückliegt, bedanken. Außerdem wollte ich mitteilen, dass ich ihre Tochter Ayla im Fahrradgeschäft nicht angetroffen habe.

Da ich mich nicht angemeldet habe, muss ich hinnehmen, dass niemand zuhause ist. Ich hinterlasse eine kleine Sprachnachricht und verabschiede mich dann endgültig aus Pacifica.

Hier wird an geliebte Menschen erinnert, die an einer Überdosis gestorben sind. Der 31. August ist der International Overdose Awareness Day (IOAD), eine globale Kampagne zur Beendigung der Überdosierung.

Hinter Pacifica gelange ich auf den Quarry Running Trail, einen ausgewiesenen Fahrradweg, der entlang der Küste verläuft.

Fentanyl ist ein ganz großes Problem in Californien, das der Staat bisher nicht in den Griff bekommen konnte. Die Folgen sieht man hier, entlang des Quarry Running Trails.

Fentanyl ist ein synthetisches Opioid und wird in der Anästhesie und der Intensivmedizin verwendet. Es hat ein hohes Suchtpotenzial und der Missbrauch endet häufig tödlich.

Entlang dieses Weges sind auf einer Strecke von gut 200 Metern kleine Beete angelegt, die ein wenig an Grabstellen erinnern. Es sind kleine Gedenkstätten, die an verstorbene Menschen erinnern.

Das Besondere dieser kleinen Parzellen besteht für mich darin, das hier überwiegend jenen gedacht wird, die an den Folgen ihrer Drogensucht gestorben sind. Auf mehreren Parzellen entdecke ich den Hinweis auf Fentanyl.

Wenig später enden diese kleinen Gedenkstätten und es geht weiter durch die Hügelkette entlang der Küste.

Immer wieder nähert sich der Trail der Küste, sodass ich die Aussicht auf den Pazifik wirklich genießen kann.

An einer Stelle windet sich der Fahrradweg in kleinen Serpetinen den Berg hinauf.

Schließlich mündet der Trail In den alten Highway 1. Dieser Streckenabschnitt ist heute für den Autoverkehr gesperrt. So lässt es sich angenehm fahren. Wenn nicht die 9 %ige Steigung wäre.

Ich hatte Glück, denn ich muss nur hinunter fahren. Aber mir geht nicht aus dem Kopf, wie ich vorher den Berg erklommen habe. Ein Warnschild war jedenfalls nicht vorhanden.

An einer langgezogenen Steigung schließe ich auf zu einem Ehepaar, das ebenfalls auf dem Weg in den Süden ist. Ich hänge mich hinten dran und kann das Tempo der Beiden locker mithalten.

Während die Frau sich mehr und mehr von uns absetzt, werden wir beiden Männer immer langsamer. Bis schließlich mein Vordermann in einer kleinen Nische hält und mich vorbeilässt mit der Bitte, ruhig weiter zu fahren. Er brauche erst einmal eine Verschnaufpause.

Circa 1 Meile weiter hole ich seine Frau ein. Im Gespräch erfahre ich, das ihr Mann Im vergangenen Jahr eine Herzerkrankung hatte, die heute sein Leistungsvermögen einschränkt.

Während sie auf ihren Ehemann wartet, setze ich meine Reise fort. Wir werden uns später auf dem Campingplatz wiedersehen.

Die Landschaft wechselt sich zwar ab, aber ändert sich kaum. Es bleibt eine Küstenlandschaft mit vielen kleinen Buchten und kleinen Felsnasen, die aus der Küstenlinie ins Meer hinausragen.

Manche dieser Buchten sind zum Surfen und Kayaken gut geeignet. Mitunter tummeln sich Dutzende von Surfern in der Brandungszone.

Selten sieht man alternative Häuser wie dieses Ocean Studio.

Eine Besonderheit, über die ich mich immer wieder wundere, sind die direkt an den Strand gebauten Häuser.

Nicht weit von diesem Haus entfernt sind Schilder entlang der Straßen für Tsunami-Fluchtrouten aufgestellt. Das ist für mich ein großer Widerspruch.

Eine Allianz aus Künstlern und Schriftstellern, die gemeinsam daran arbeiten, tieferes Mitgefühl und Verständnis für die Natur zu entwickeln.

Auf dem weißen Schild steht: Eine einmalige Gelegenheit für einen abenteuerlustigen, zielstrebigen Filmemacher oder anderen Medienprofi, an diesem wunderschönen, geodätischen Studio mit Meerblick teilzuhaben (kein Wohnbereich).

Ich brauche also gar nicht erst anzuklopfen. So ziehe ich weiter.

Wenige Minuten weiter grüßt ein Wahlplakat. Bisher hatte ich nur Donald Trump in marzialischer Haltung mit gestähltem Körper, ein Maschinengewehr in der Hand, gesehen. Leider hab ich das Poster nicht fotografiert. Es würde als Gegenstück gut zu diesem Poster passen.

Beide Poster drücken für mich keinen demokratischen Diskurs sondern eher einen echten Kampf aus, bei dem es einen Gewinner und einen klaren Verlierer gibt.

Die Waffen in der Hand eines jeden sagen zusätzlich viel über das Schicksal des Verlierers aus.

Es ist Pumpkinsaison. Diese Saison ist an den Herbst angelehnt, reicht von Anfang Oktober bis zum Ende November, wobei Halloween den Höhepunkt dieser saisonalen, sich jährlich wiederholenden Veranstaltung bildet.

Am späten Nachmittag erreiche ich Half Moon Bay. Und auch hier werden auf einem Pumpkin Patch Kürbisse in den unterschiedlichsten Größen angeboten.

Schließlich erreiche ich mein heutiges Ziel, den Francis Beach State Park, wo ich für 7 Dollar einen Platz nebst kostenloser Dusche finde. Gleich hinter den Dünen und nur 100 Meter vom Meer entfernt.

Ein ruhiges Plätzchen im Abendschatten uralter Zypressen. Morgen früh wird die Sonne das Zelt wärmen. Ich freu mich drauf.

Mein letzter Besuch führt mich an diesem Tag an den Strand hinter den Dünen. Während ich dem einsetzenden Sonnenuntergang zuschaue, ziehen Pelikane über mich hinweg.

An der vordersten Schaumfront der auf dem Sandstrand auslaufenden Wellen tummeln sich Meeresstrandläufer und weichen geschickt jeder flach eintreffenden Wellenfront aus.

Im Hintergrund färbt sich der Himmel nach und nach tiefrot und gießt einen Teil seiner Farbe in den Ozean. Ein faszinierender Moment, der schon wenige Minuten später seine Strahlkraft verloren hat.

Langsam durchdringt die abendliche Kühle meine Kleidung und noch bevor es dunkel ist, ziehe ich mich frierend in mein kleines Zuhause zurück. Ich breite den Schlafsack über meinem Körper aus und bereits nach wenigen Minuten muss ich eingeschlafen sein.

Tag 4 in San Francisco

25. Oktober 2024

Nach einem leckeren Frühstück mit allem, was dazu gehört, mache ich mich auf den Weg zur Valencia Cyclery, einem Fahrradladen im Mission District. Dort erhalte ich die Gepäckträger und die Front-Roller. Beides ist ein Geschenk von Jens, dem ich von Herzen danke.

Mir werden die Front-Roller eine große Hilfe sein. Erstens werde ich die unhandlichen Cottonbeutel los, mit denen ich meine Verpflegung transportierte, und die immer irgendwie außen auf meinen Gepäcktaschen befestigt werden mussten.

Ständig riss ein Henkel, die Beutel baumelten vom Rad herunter oder der Inhalt kullerte auf die Straße. Also was für eine Erleichterung ich jetzt habe.

Zweitens verteilt sich das Gewicht besser auf beide Achsen, womit ich eine bessere Kontrolle über mein Rad habe.

Die Montage hat zwar gedauert. Aber sie hat sich gelohnt. Um 12.00 Uhr ist dieser Teil meines Tagesplans erledigt und ich mache mich auf den Weg, weitere Teile der Stadt zu erkunden.

Es wird mein letzter Tag in San Francisco sein. Und so nehme ich mir ein paar Orte vor, die ich bereits 1983 besucht hatte. Dabei passiere ich nochmal die Cable Cars, welche die Powell Street hinaufrumpeln. Auch hier sehe ich lange Warteschlangen voller geduldiger Menschen. Die Stimmung ist entspannt.

Manch einer, der wartet, findet Zeit für ein Tänzchen, bis er im nächsten Waggon wenn auch nur den letzten Stehplatz findet. Kurz darauf setzt sich der Cable Car in Bewegung und verschwindet nach gefühlt 15 Minuten oben am Horizont hinter der Bergkuppe.

Blick von der Kreuzung Stockton Street/California Street hinunter zur San Francisco-Oakland Bay Bridge.

TIGER-DRAGON Mural in Chinatown

The Zodiak Wall an der Jack Kerouac Alley in Chinatown.

Als nächstes fahre ich durch Chinatown. Hier hat sich viel verändert. Ich vermisse das pulsierende Leben mit seinen asiatischstämmigen Menschenmassen. Die Bürgersteige wirken leer, auch wenn sie von ein paar Touristen bevölkert werden.

Das Flair, wie ich es 1983 vorgefunden hatte, ist verschwunden. Das quirlige Leben in den kleinen Straßen, die Menschenmassen auf den Bürgersteigen, die kleinen Geschäfte, der chinesische Backshop, der chinesische Schlachter. Die knusprig golden glänzenden Pekingenten in den Auslagen. Ich kann sie nicht mehr finden.

Die chinesischen Schmuckläden mit ihren Jade- und Gold-Auslagen. Ich finde einen einzigen. Und der hat geschlossen. Dafür finde ich um so mehr typische Souvenierläden, wie man sie an jeder touristischen Meile finden kann. Die Sortimente austauschbar.

Vielleicht bin ich nur an einem falschen Tag hier. Es kommt ein wenig Wehmut auf. Aber dann sage ich mir: Jo, du warst 1983 hier und hast wunderschöne Eindrücke gesammelt, die dir für den Rest deines Lebens bleiben werden. Und damit bin ich sehr zufrieden.

Natürlich freue ich mich, wieder in San Francisco’s Chinatown zu sein. Es ist eben alles anders. Und dieses andere Chinatown versuche ich nun in wenigen Bildern einzufangen.

2024 – Das Jahr des Drachen

Mural in der Jack Kerouac Alley

Sum Dim Sum Restaurant an der Ecke California Street/Grant Street

Hellrote Laternen, die über der Grant Street aufgehängt sind, geben dem Straßenzug das chinesische Flair. Die gelbe Werbetafel mit den roten, chinesischen Schriftzeichen verstärkt den exotischen Eindruck. Sie weist auf die Jinshan, Chinese Service Co., Ltd. hin, einem Unternehmen, das vielfältige Aufgaben für die asiatischen Bürger San Franciscos übernimmt.

Dazu gehören Fragen und Unterstützung bei der Berufsausbildung, der Einbürgerung und Einwanderung, zu Studienaufenthalten im Ausland, Aufenthaltsverlängerungen, notariell beglaubigte Übersetzungen, chinesische Angelegenheiten, US-Immobilien, chinesische und US-Visa, Einwanderungsgarantie, Firmenregistrierung, Lebensmittelbescheinigung, Reisetickets, Heirat und Scheidung, Heirat zu Hause, Namensänderung, Immobilien in China.

Überspitzt formuliert ein Büro für Verwaltungsarbeiten, das insbesondere die asiatischen Bevölkerung anspricht.

Geschäftsreise in Chinatown

Von Chinatown geht es weiter zum Coit Tower. Es grüsst das Cable Car, und im Hintergrund erscheint die Transamerica Pyramid, ein 260 m hoher und 48-Stockwerke zählender Wolkenkratzer.

Schließlich erreiche ich den Coit-Tower. Ein schlichter Turm, von dessen Plattform aus man einen sehr guten Überblick über die ganze Bay-Area hat.

Vor dem Coit Tower stand 1983 eine Bronzefigur, die Christoph Columbus darstellte. Diese Statue wurde 2020 entfernt, da sie „nicht mit den Werten San Franciscos oder dem Engagement der San Francisco Arts Comission für Rassengerechtigkeit übereinstimmt“.

Dabei setzt sich die Reihe der Wandgemälde, die übrigens in Fresco-Technik ausgeführt wurden, im 1. und 2. Stock des Turmes fort.

In der Lobby des Turmes befinden sich einige interessante, großflächige Wandgemälde zu unterschiedlichen Themen. Hier eine Orangenernte.

Die Wandgemälde zeigen Californien während der Großen Depression.

Nach kurzem Aufenthalt verlasse ich den Telegraph Hill und fahre nochmals die Hafenanlagen entlang Richtung Golden Gate Park. Dabei fallen mir immer wieder die autonom fahrenden weißen Fahrzeuge von Waymo auf, die mittlerweile das Stadtbild prägen.

In einem Punkt scheinen sie die besseren Verkehrsteilnehmer zu sein: Sie befolgen mit technischer Gelassenheit strikt die Geschwindigkeis- und Verkehrsregeln. Das wiederum bringt eilige Autofahrer mitunter zur Verzweiflung.

Ich selbst habe mich in den vergangenen Tagen an die Teilnahme dieser Fahrzeuge gewöhnt und vertraue Ihnen.

Seltener sind diese Motorräder mit Beiwagen im Stadtbild zu sehen, mit denen ein Unternehmen zur Sightseeing-Tour durch die Stadt einlädt.

Nach knapp einer Stunde erreiche ich im Golden Gate Park das M. H. de Young Memorial Museum. Da meine Zeit sehr begrenzt ist, verzichte ich auf einen Besuch des Museums. Es liegt eingebettet in den Parkanlagen.

Licht und Schatten bilden hier einen ganz besonderen Reiz. Der hochmoderne, schwarze Bau steht in einem spannenden Kontrast zur umgebenden, gepflegten Natur

Schon diese Effekte ziehen mich in ihren Bann. Und ich bin nicht allein. Mancher Besucher mit professioneller Kameraausstattung versucht, den richtigen Licht-Moment an diesem Ort einzufangen.

Ich habe nur den Augenblick zur Verfügung. Aber der beschert mir in meiner Wahrnehmung durchaus interessante Momente.

Vom de Young Memorial Museum wechsle ich hinüber zum Greenhouse, einem weißen, kuppelförmigen Gewächshaus.

Es sind nur wenige Fahrminuten auf den breiten Fuß- und Radwegen des Golden Gate Parks …

… bis ich das Gewächshaus erreiche. Der Eintrittspreis ist moderat und ich kann meine neuen Vorderradtaschen an der Kasse zur Aufbewahrung hinterlegen. Dann wage ich mich hinein in das tropische Grün.

Gut 2 ½ Stunden halte ich mich auf dieser grünen Insel auf. Obwohl die Anlage nicht sehr groß ist, kann man unglaubliche Vielfalt entdecken. Und auch wenn zu den meisten Pflanzen die Beschilderung fehlt, so ändert das nichts an der Faszination, die von ihnen ausgeht.

Sumpfkrüge

Leuchtendrote Malteserkreuzblumen im Verbund mit mir unbekannten Pflanzen

Kannenpflanzen

Schon der Eingangsbereich besticht durch seine Vielfalt. Und alles, was anschließend folgt, ist noch viel schöner. Immer wieder bleibe ich staunend vor Blättern und Blüten stehen.

Nicht jede Blüte zeigt sich auf den ersten Blick – sie versteckt sich hinter üppigen Blätterwerk und will entdeckt werden. Hat man sie dann entdeckt und schaut genau, erkennt man ihre unglaubliche Schönheit.

Es ist eine Zauberwelt, in die ich eintauche, die mich die Zeit vergessen lässt …

Möglicherweise Monstera

Pitcher Plant – Kannenpflanze

Feuerpalmen

Vielleicht Aechmea

Deppea splendens – Goldene Fuchsia

Schwertfarn

Oben im Bild die ca. 40 cm Durchmesser messenden Blüten der Dracula Vampyra Orchidee. Der Gattungsname dieser Art – Dracula – bedeutet kleiner Drache und bezieht sich auf die Blüte, die einem Vampir mit Kapuze ähnelt.

Bei der unteren, etwa gleichgroßen Blüte, könnte es sich um eine Darvins Orchidee handeln.

Obwohl ich Laie bin und zu manchem Bild keine Erläuterung geben kann, möchte ich das, was mich an diesem Ort so fasziniert, mit euch teilen.

Irgendwann kommt ein netter Mitarbeiter zu mir und teilt mir mit, dass das Gewächshaus um 17.00 Uhr seine Pforten schließt. So spät ist es also schon. Und ich will auch noch in den Botanischen Garten, der gleich nebenan liegt. Leider schließt der ebenfalls um die gleiche Zeit.

Und so entschließe ich mich zur Heimfahrt. Um kurz nach 18.00 Uhr ist Sonnenuntergang. Anschließend geht es ganz schnell mit dem Hereinbrechen der Nacht.

Bereits 10 Minuten später, noch im Golden Gate Park, erreiche ich einen Musik Pavillon, der auch Spreckels Temple of Music genannt wird. Er war ein Geschenk des Zuckermagnaten Claus Spreckels an die Einwohner von San Francisco.

Hier spielt ein Band kostenlos zur Freude der zum Abend hin verbliebenen Parkbesucher …

… in einer Mischung aus leicht jazzigen, lateinamerikanischen Klängen, zu der auch getanzt werden kann. Für mich ein schönes musikalisches, rundum gelungenes Tagesende.

Es geht vorbei am Twin Peak, einer der höchsten Erhebungen der Stadt mit einer tollen Aussicht auf die Stadt und die Bay Area.

Nun geht es heim. Ein paar Meilen durch die Stadt. Dabei meistens leicht bergab …

… und wie schon in den vergangenen Tagen, so komme ich auch heute wieder an einem Pumpkin Patch vorbei. Die leuchtenden Früchte werden den ganzen November hindurch vor vielen Häusern als Dekoration zu finden sein.

Ich muss mich sputen, um nicht in die Dunkelheit zu kommen. Die Schatten kriechen bereits die Hügel hinauf.

Ein letzter Blick auf die in der Nacht versinkende Stadt, die mehr und mehr im Lichterglanz erstrahlt. Wenige Minuten später erreiche ich mein „Zuhause“. Maureen und Roy erwarten mich bereits.

Während des gemeinsamen Abendessens erzähle ich von meinen heutigen Erlebnissen. Von meiner Begeisterung für das Greenhouse, in dem ich die Zeit vergesse. Vom Spreckels Temple of Music. Vom Pumpkin Patch und von den letzten Minuten im Park oberhalb meines Quartiers mit der schönen Feierabend-Atmosphäre.

Beide sind mir bei der Planung des nächsten Tages behilflich. Am Ende des Tages zeigt mir Roy noch einen Wandteppich. Es ist sein Hochzeitsgeschenk für Maureen. Liebevoll sind die wichtigsten Stationen eingewebt:

Die Golden Gate Bridge symbolisiert den Ort San Francisco. Die Kirche zeigt den genauen Ort, wo sie in der Stadt getraut wurden. Das damalige Wohnhaus, in dem sie gemeinsam einzogen, ist am unteren Bildrand abgebildet. Ebenso die Hauskatze, die mittlerweile verstorben ist. Und natürlich das liebende Brautpaar unter goldenen Palmwedeln. Und diese Liebe und Verbundenheit ist noch heute zu spüren.

Beide haben sich ihren Platz in meinem Herzen erobert. Maureen mit ihrer offenen, fröhlichen und geradlinigen Art, ihrem Mut und ihrem Willen, sich für die guten Dinge des Lebens einzusetzen.

Roy, der mit seinem strahlenden Lachen das ganze Haus und die Menschen beseelt und dabei ständig irgendwelche Hausarbeiten erledigt. Rastlos wirkend und doch stets zufrieden.

Ihre Verbundenheit, die sich mir gegenüber auf vielfältige Art und Weise zeigt. All das macht es mir schwer, die Zelte wieder abzubrechen. Und obwohl Maureen mir einen dritten Tag zum Bleiben angeboten hatte, werde ich diesen Tag nicht in Anspruch nehmen. Morgen Abend hätte ich das gleiche Problem.

Hier hab ich mich angenommen gefühlt. Für 2 Tage boten sie mir ein warmes, sicheres, gemütliches Zuhause. Mehr als ein Gast konnte ich an ihrem Familienleben teilhaben. Sie haben mich mit Essen versorgt. Der neue Hinterradreifen wurde von Maureen bezahlt. Wir haben geneinsam demonstriert.

Wann immer ich an sie denken werde, habe ich ein Portfolio wunderbarer Erinnerungen vor meinen Augen. All das wird mich von nun an mit großer Freude begleiten. Danke für diese tollen Tage in Eurer Familie.

Tag 3 in San Francisco

24. Oktober 2024

Ich stehe früh auf. Howard ist bereits in der Küche und bereitet ein richtig leckeres Frühstück.

Wie schon gestern Abend kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, das Howard sehr gerne kocht. Ihm geht die Kocharbeit fließend von der Hand. Und während er das Essen bereitet, sind wir schon wieder ins Gespräch vertieft.

Nach dem Frühstück packe ich zügig meine Sachen, und nach einem herzlichen Abschied bin ich schon kurze Zeit später wieder auf der Straße.

Eigentlich hätte ich heute morgen die Stadt verlassen, da ich keinen weiteren Gastgeber gefunden habe. Gestern Abend auf dem Nachhauseweg hatte ich jedoch eine wunderbare Begegnung:

Eine Dame überholte mich mit dem Fahrrad. Und während sie vorbeiradelt, fällt wir ihr weißer Fahrradhelm auf, den eine lebensgroße, fröhliche wirkende Plastikratte ziert. Wow. Was für eine pfiffige Helmdekoration.

Und dann trete ich auch schon in die Pedalen und fahre hinter ihr her. An der nächsten Ampel hole ich sie ein und frage, ob ich ein Foto von ihr mit dem Helm auf dem Kopf machen darf. Mit einem umwerfenden Lachen strahlt sie mich an.

Für mich ist es ein unglaublich schöner Moment. Dieses Lachen, dieses offene, fröhliche Gesicht. Sie schaut mir direkt in die Augen und beschenkt mich mit ihrer klaren Antwort. Ich darf ein Foto von ihr aufnehmen.

War es erst nur der Helm, so ist es jetzt mehr. Helm und dieses freundliche Gesicht gehören einfach zusammen. Wir finden Platz am Straßenrand, wo ich ein Foto von uns beiden aufnehme. Es folgt eine kurze Unterhaltung, an deren Ende eine Einladung zu Maureen ins Haus steht. Dort kann ich bis zu drei Tagen bleiben.

Die Sympathie, die Maureen ausstrahlt, lässt mich keinen Augenblick zögern. Ich werde zu ihr fahren und noch zwei weitere Tage in San Francisco verbringen.

Da ich mit Maureen als Ankunftszeit 10.00 Uhr vereinbart hatte, kann ich mir nun Zeit lassen und Trödel meiner neuen Unterkunft gelassen entgegen.

Der Weg führt über Cayuga Street und Folsom Street, wo ich in den ersten Gang runterschalte und rückenschonend langsam den Hügel erklimme. Pünktlich um 10.00 Uhr am Morgen erreiche ich mein Ziel.

Maureen und ihr bezaubernder Ehemann Roy erwarten mich bereits. Die Begrüßung fällt außerordentlich herzlich und fröhlich aus. Schnell bringe ich alle meine Packtaschen und auch die Baumwollbeutel mit den Lebensmitteln in das Gästezimmer.

Auf meinem Tagesplan stehen ganz oben die Frontroller nebst passenden Trägern. Ansonsten möchte ich ruhen. Und so machen wir uns tagsüber lediglich zu Fuß auf den Weg zum nahegelegenen Fahrradladen. Dort finde ich zwar die Frontroller. Jedoch keine passenden Träger. So entscheide ich mich, die Frontroller erst dann zu kaufen, wenn ich sicher bin, dass der Gepäckträger auch wirklich zu den Taschen passt.

Wir verbringen den Nachmittag gemeinsam im Haus. Erst am späten Nachmittag setzte ich mich aufs Fahrrad und begleite Maureen zu einer Demonstration anlässlich eines Verkehrsunfalls, bei dem ein Fahrradfahrer unter die Räder eines LKW’s geriet und dabei tödlich verletzt wurde.

Die Fahrt dauert etwas 45 Minuten. Gegen 17.00 Uhr erreichen wir unser Ziel an der Kreuzung Parnassus Street/Stanyan Street. Wir sind die Ersten. Bereits nach wenigen Minuten hat sich ein Dutzend weiterer Demonstranten versammelt.

Dann postieren wir uns an allen vier Ecken der Kreuzung und wechseln, das Protestschild vor uns haltend, jeweils bei Grün über den Zebrastreifen zur anderen Kreuzungsseite.

Dabei gehen wir sehr langsam, was von den Autofahrern Geduld fordert. Die meisten Autofahrer nehmen während der einstündigen Demonstration Rücksicht. Mancher kommentiert aus dem Autofenster heraus wohlwollend die Protestaktion.

Trotz dieses sichtbaren Protestes gibt es jedoch Autofahrer, die die Fußgänger auf dem Fußweg ignorieren und in Bedrängnis bringen.

Ein ganz großes Kompliment an Maureen, der es mehrmals gelingt, überhebliche Autofahrer in die Schranken zu weisen. Für mich zeigt sie viel Mut und eine unglaubliche Bereitschaft, für mehr Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr zu kämpfen.

Die Plakate sind bereits vorbereitet. Und jeder kann sich sein Motto aussuchen.

Einige Verkehrsteilnehmer greifen spontan zu einem Protestschild und beteiligen sich für ein paar Minuten an der Aktion. Andere bleiben etwas länger. Manch einer diskutiert am Straßenrand.

Und ein Teilnehmer wird als Trump Anhänger entlarvt, dem es nur darum geht, die Leute zu identifizieren, die sich an der Aktion beteiligen, um ihnen anschließend das Leben schwer zu machen.

Da ich schon einmal hier bin, ergreife auch ich ein Plakat und wechsle mit jeder Grünphase auf die gegenüber liegende Straßenseite. Am Anfang bin ich noch etwas nervös, da ich ja kein Anwohner bin. Das legt sich jedoch nach wenigen Minuten.

Ein radfahrender Verkehrsteilnehmer bin ich allemal. Und hier wird auch für mich und meine Sicherheit demonstriert.

Um 18:00 Uhr beenden wir unseren Protest. Maureen und eine Protestteilnehmerin schmettern noch ein lustiges Lied, bevor wir uns auf den Heimweg machen.

Als wir zuhause ankommen, ist es bereits Dunkel. Roy erwartet uns schon. Beim gemeinsamen Dinner gehen die Gespräche weiter. Dabei wird viel gelacht. Irgendwann überfällt uns die Müdigkeit. Zeit, zu Bett zu gehen.

Ich bedanke mich für den wunderschönen Tag, den mir Beide bereitet haben. Dann ziehe ich mich in mein Gästezimmer zurück und bin schon bald im Land der Träume verschwunden.

Tag 2 in San Francisco

23. Oktober 2024

Ich bin um 7 Uhr hoch, dusche und packe meine sieben Sachen zusammen. Um 8 Uhr gehe ich hinunter in die Lobby zum Frühstücken.

Es gibt vier verschiedene Cornflakes und Müslisorten. Dazu Joghurt, Milch und Clementinen. Für jeden ist genug da, um sich satt zu essen. Gegen 10 Uhr verlasse ich mit gefülltem Magen das Quartier. Es geht vorbei am Rathaus von San Francisco.

Vor dem Rathaus wird gerade der Radweg in grellem, auffallendem Grün neu markiert. Ein aufmerksamer Bürger der Stadt spricht mich an und erklärt mir, dass diese Maßnahme lediglich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Wahl zu verstehen ist. Ohne Wahl würde es diese Maßnahme nicht geben.

Er erklärt mir, dass es viele Orte in der Stadt gibt, an denen es wichtiger gewesen wäre, den Radweg zu erneuern. Aber dieser Ort sei nun einmal der werbewirksamste.

Eine interessantes Neon Kunstobjekt entdecke ich an dem Bill Graham Civic Auditorium. Das Neon-Wandbild wurde von dem Künstler Joseph Kosuth geschaffen und stellt eine Premiere dar. Es ist das erste permanente öffentliche Kunstwerk des Künstlers an einem historischen Gebäude in den USA.

Zum Stadtbild fast aller Städte der USA gehören die oberirdisch verlegten Versorgungsleitungen für Strom, Telefon und teilweise Internet.

Es mutet seltsam an, dass diese Nation bis heute an einem System aus dem 19./20. Jahrhundert festhält. Diese typischen Oberleitungen prägen besonders das Stadtbild in den USA.

Ein weiteres Merkmal der Stadt San Francisco sind die pastellfarben angestrichenen Häuser. Sie geben der Stadt insgesamt ein fröhliches Erscheinungsbild.

Und auch dieses Bäume prägen ganze Straßenzüge mit ihren üppigen, schattenspendenden Baumkronen.

Vor Kreuzungsbereichen wird auch der Radfahrer dank auffallender Markierungen rechtzeitig gewarnt.

Mittlerweile ist es relativ sicher, sich mit dem Fahrrad durch diese große Stadt zu bewegen. In den letzten Jahrzehnten ist hier viel geschehen. Das Radwege-Netz wurde und wird kontinuierlich ausgebaut.

Die Wegführung empfinde ich zum großen Teil als vorbildlich. Vieles, was ich sehe, ließe sich auch in Deutschland anwenden. Zwar sind die Straßen hier in der Regel breiter, sodass sich der Fahrradweg besser integrieren lässt. Aber auch für schmalere, 2-spurige Straßen finde ich die Lösungen sehr gelungen.

Die Markierungen sind in der Regel auffällig und meines Erachtens kaum zu übersehen. Mittlerweile wird sogar die Grüne Welle für Radfahrer eingerichtet und auch genutzt.

Für wartende Rechts-/Linksabbieger wurden extra markierte Bereiche eingerichtet, sodass sie weder andere gefährden können noch selbst gefährdet sind.

Eine besondere Attraktion stellt die künstlerische Bemalung des Women’s Building dar. Hier ist es gelungen, die Architektur des Hauses mit den Wandmalereien harmonisch miteinander zu verbinden.

Auch die Seitenfront wurde in die künstlerische Gestaltung zur Straßenfront hin einbezogen.

Ein Haus zum Staunen. Eine Malerei zum Verlieben. Und für mich das bisher schönste Mural, dass ich auf meiner Reise gesehen habe.

Der Haupteingang des Women’s Building.

Daneben gibt es in dieser Stadt viele weitere wunderschöne Murals. Hier eine ganz kleine Auswahl …

Man muss ein bisschen suchen. Aber mit etwas Geduld findet man all die schönen Wandmalereien.

Und dann gibt es auch heute noch eine Vielzahl im viktorianischen Stil erbauter Häuser. Auch hierzu eine kleine Auswahl.

Verspielt und farbenfroh. Nicht immer stilecht. Doch jedes Mal etwas Besonderes. Etwas, das Fröhlichkeit, Leichtigkeit und mitunter Noblesse ausstrahlt.

Manchmal tut es weh zu sehen, wie der Baustil durch ungeschickte Maßnahmen nachhaltig veschandelt wird. Auch wenn die Garagen den Bewohnern des Hauses erhebliche Vorteile bringen.

Einige dieser Häuser haben als Kulisse in Filmen eine Rolle gespielt. Wichtiger scheint mir, dass sie von ganz normalen Menschen bewohnt sind, die vermögend genug sind, diese Stadtjuwelen der Nachwelt zu erhalten.

Nachdem ich mich an den im viktorianischen Stil erbauten Häusern stattgesehen habe, mache ich mich auf den Weg zum Scenic Routes Community Bicycle Center in der 521 Balboa Street.

Der kleine Laden beschreibt sich auf seiner Webseite Folgendermaßen: „Wir sind ein kämpferischer, kleiner, unabhängiger, gemeinschaftsorientierter Fahrradladen in San Francisco, der hauptsächlich alte Fahrräder für Pendler und Reisende restauriert und umbaut.

Wir glauben, dass das Fahrrad ein Werkzeug der Freiheit, der sozialen Gleichheit und des Glücks für alle ist.“

Ich möchte Ayla, die Tochter von Laura und Greg, meinen Gastgebern in Pacifica, kennenlernen und nebenbei Vorderradgepäckträger sowie Ortlieb Front-Roller kaufen.

Leider ist Ayla nicht anwesend. Sie arbeitet erst wieder ab Donnerstag. Und auch mit Gepäckträger und Fahrradtaschen können sie mich nicht versorgen.

Dafür empfehlen sie mir 3 andere Fahrradläden, in denen ich das Gewünschte erhalten kann. Irgendwie sind die Jungs schon über mich informiert. Und so gibt es wenigstens noch eine nette Unterhaltung.

Langsam mache ich mich auf zu meinem heutigen Gastgeber Howard. Dabei nehme ich den Weg durch den Golden Gate Park, einer weitläufigen mit asphaltierten Wegen ausgestatteten Parkanlage.

Auf den Wegen tummeln sich Radfahrer, Skater, Jogger und Spaziergänger. Überall findet man Sitzgelegenheiten, die ausgiebig genutzt werden. Der Park ist vielfältig gestaltet …

… und bietet interessante Einblicke in die Natur.

Dabei wecken die Baumfarne mit ihrem stammbildenden Wuchs mein ganz besonderes Interesse. Ich verweile im diesem kleinen Farnwald, bis die Dämmerung mich mahnt, zu meinem heutigen Quartier zu fahren.

Es geht vorbei am Conservatory of Flowers, einem Kuppelgewächshaus.

Überall Menschen, die die späte Nachmittagssonne genießen.

Vorbei an mächtigen Laubbäumen.

Dabei bleibe ich die ganze Zeit auf dem Radweg mit seiner markanten Zeichnung.

Und auch nach dem Verlassen des Golden Gate Parks hören die Alleebäume nicht auf. Nach ein paar Meilen durch das Stadtgebiet, erreiche ich schließlich meinen heutigen Gastgeber, der mich sehr freundlich empfängt.

Howard kocht hervorragend. Während er das Abendmahl zubereitet, und auch während des Dinners und danach, zeigt sich Howard sehr interessiert. Es ist ein Frage-und-Antwort-Spiel. Howard fragt. Und ich antworte. Und natürlich freue ich mich riesig über sein Interesse.

Zur Zeit lebt Howard allein, da seine Frau mit dem Fahrrad im Augenblick durch China radelt. Sie wird noch einige Monate unterwegs sein. Und da sind Zaungäste wie ich bei Howard gerne wilkommen.

Wir unterhalten uns nach dem Dinner noch eine ganze Weile. Das Gespräch ist intensiv. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Und ehe ich mich versehe, ist der wunderschöne, unterhaltsame Abend vorüber und ich gehe zu Bett.

Auch heute bin ich dankbar für alles, was mir widerfahren ist. Es war ein toller Tag mit zahlreichen Erlebnissen, tiefen Eindrücken und aufregenden Begegnungen.

Ich danke euch sehr für eure unermüdliche Begleitung und eure zahlreiche Unterstützung und Bestätigung, sei es in euren Gedanken, durch Kommentare oder Coffees.

Ich hoffe, ich kann euch einen kleinen Eindruck vermitteln von der überwältigenden Fülle, die ich hier erlebe. Es ist mein Wunsch, euch mitzunehmen.

Tag 1 in San Francisco

22. Oktober 2024

Ich bin früh wach. Meine jungen Gastgeber müssen zur Arbeit. Und ich werde etwa um dieselbe Zeit das Haus verlassen. Zuvor gewährt mir Leahs Ehemann noch einen Blick vom Dach des Hauses. Es hat schon einen ganz besonderen Reiz, wenn die morgentliche Sonne mit ihrem kalten Licht die Stadt streift.

Minuten später verlassen beide Die Wohnung. Ich folge wenig später. Das Gefühl, so viel Vertrauen zu erfahren, überwältigt mich immer wieder. Ich bin glücklich, diese Erfahrungen zu machen.

Für die kommende Nacht habe ich noch kein Quartier. Aber ich bleibe voller Hoffnung. Ich habe ein paar Adressen angeschrieben und hoffe und vertraue darauf, dass ich auch für heute Abend ein Quartier haben werde.

Eine Besonderheit, die mir auf der Straße auffällt, sind unbemannte Autos. Diese vollautonomen Autos bringen Fahrgäste rund um die Uhr wie herkömmliche Taxis an den gewünschten Ort.

Der Anbieter heißt Waymo. Er stellt seine Autos für kostenlose Testzwecke zur Verfügung. San Francisco ist damit die erste Stadt der Welt, in der Robotertaxis ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sind. Soweit ich das überblicken kann, halten sich diese Autos, was Geschwindigkeit angeht, an die geltenden Verkehrsregeln.

Inwieweit diese Fahrzeuge den Straßenverkehr verändern werden, bleibt sicherlich abzuwarten. Aber mir scheint, das die Akzeptanz in der Öffentlichkeit für diese neue Technik in San Francisco von Tag zu Tag wächst.

Nicht allem, was ich in dieser Stadt finde, stimme ich zu. Ich entdecke einen Candy Shop, der massiv mit Zucker wirbt. Für mich ein Fragwürdiges Konzept.

Ich kann mir nicht vorstellen, das die Mehrheit der Amerikaner das Konzept „You know you want it – it’s sugar“ gut heißen kann.

Neben kunterbunten, oversized Lollies entdecke ich beworbene Produkte, die mich Grübeln lassen:

Toxic Waste (Giftmüll) ist so ein Produkt.

Noch nachdenklicher werde ich bei dieser Präsentation …

Aber ich bin in Amerika. Und hier scheint auch solcher Spaß grenzenlos …

Wer kennt es nicht, das Hard Rock Cafe. Hier die Filiale in San Francisco.

Auf einer Pier wurde ein Kinderkarussel, umgeben von diversen Verkaufsständen, fest installiert.

Gleich dahinter findet ein Straßenkünstler sein Publikum und verzaubert es mit witzig dargebotenen Kunststücken.

Jeder Pier hat seinen eigenen Charakter. Diese Abwechslung macht den Reiz der Hafenanlagen entlang der Küstenlinie aus.

Ob mehrgeschossiger Schaufelraddampfer …

… oder Superjacht. Alles liegt auf engstem Raum dicht beieinander und ist während eines einfachen Spaziergangs leicht zu erreichen.

Eines der Wahrzeichen der Stadt ist das über 200 m lange Ferry Building am nordöstlichen Ende der Market Street. Heute beherbergt es einen großen Food-Market und ist bei den Touristen für seine kulinarische Vielfalt beliebt.

Der gut 70 m hohe Uhrenturm überragt das Gebäude bei Weitem. An seinen Seiten wurden Turmuhren angebracht, deren Ziffernblätter jeweils einen Durchmesser von 6,70 m haben. Und bei Tageslicht läutet zu jeder vollen Stunde die Turmglocke Teile des Westminster Quarters.

Südöstlich des Ferry Building befindet sich diese markante Skulptur. Ein Riesiger Bogen und ein mit seiner Spitze im Boden steckender Pfeil. Im Bild zusammen mit dem östlichen Pylon der SF-Oakland-Bay-Bridge zu sehen.

Im Streiflicht fallen die kleinen Besonderheiten der aus der Ferne schlicht wirkenden Wolkenkratzer auf.

Das kleine, möglicherweise nicht mehr genutzte Hafengebäude des San Francisco Fire Department, steht an exponierter Stelle nahe der San Francisco Oakland Bay Bridge.

Hinter dem Gebäude wartet das knallrote Feuerwehr-Löschboot geduldig auf seinen Einsatz.

Eingezwängt zwischen Kings Street, Mission Bay und einem riesigen Jachthafen, in dem über 650 Jachten liegen, befindet sich der Oracle Park, ein riesiges Baseballstadion. Es ist die Heimat der San Francisco Giants. Leider ist ein Besuch des Stadions außerhalb der Besuchszeit nicht möglich.

Vor und neben dem Stadion sind einige bemerkenswerte Skulpturen aufgestellt, die namhafte Größen des Baseballs zeigen.

Ich hab mich immer gefragt, was den Reiz dieser Sportart ausmacht, von der viele behaupten, dass sie über weite Strecken höchst langweilig ist. Vielleicht ist es diese äußerste Präzision, die jeder teilnehmende Spieler aufbringen muss, welche das Spiel reizvoll macht …

Auf dem Bay Trail geht es langsam zurück zum Aquatic Cove. In der Zwischenzeit hatte ich eine Nachricht von meiner Frau erhalten. Die folgende Nacht kann ich im Samesun Hostel im Marina District, nur 2 km vom Stadtzentrum, übernachten. Ich atme auf.

Ich bin so froh, dass Biggi sich so liebevoll um mich kümmert und mir diese Übernachtung schenkt. Ich hatte für heute zwar kein Quartier gefunden. Dafür bereits eines für den morgigen Abend. Das gib mir Sicherheit.

Vorbei am Maritimen Aquarium mit kreativer, ansprechender Außenwerbung …

… und vorbei an zahlreichen Restaurants und Bars, die teilweise mit echt skurriler Außenwerbung auf sich aufmerksam machen …

… radle ich langsam meinem Quartier entgegen. Vorbei an der 330 m langen und 38 m breiten Discovery Princess – einem Ausflugsdampfer der Superklasse, wie sie auch auf der Meier Werft in Papenburg gebaut werden …

… und erreiche schließlich das Hostel und checke ein. Einzig das Fahrrad bereitet mir Probleme. Der kostenlose Fahrradständer befindet sich im öffentlichen Bereich und ist für jeden zugänglich. Der sichere Locker-Room kostet 9 Dollar.

So einfach die Buchung auch ist, so einfach ist es auch, einen Fehler zu machen. Und so bezahle ich für den heutigen Tag, der in 2 Stunden endet, statt für den nächsten. Nach einigem Hin- und her darf ich mein Fahrrad dennoch in diesem sicheren Raum abstellen.

Das ruhig gelegene 6-Bett Zimmer teilen wir uns zu 5.: zwei Frauen und 3 Männer unterschiedlichsten Alters. Für die Privatsphäre ist jedes Bett mit einem blick- und lichtdichten, dreiteiligen Vorhang ausgestattet. Leider jedoch nicht schallgedämpft.

Ich weiß nicht, ob ich geschnarcht habe. Mein Nachbar jedenfalls sägt ordentlich. Das blitzsaubere Bad teilen wir uns. Nur schade, dass kein Kontakt mit den Zimmernachbarn zustande kommt.

Trotzdem bin ich dankbar, diese Bleibe zu haben. Dankbar, dass Biggi so liebevoll für mich sorgt. Dankbar für den wunderschönen Tag, der mir so viel Schönes beschert hat. Dankbar, das mein Rücken trotz aller Beschwerden so gut mitmacht.

Und mit diesem Gefühl und einer Schmerztablette schlafe ich schließlich trotz Schnarchkonzert ein.

Von Pacifica nach San Francisco, California

21. Oktober 2024

Nach einem reichhaltigen, proteinreichen Frühstück verabschiede ich mich von Laura und Greg. Sie sind großartige Gastgeber.

Sie haben mich mit offenen Armen aufgenommen, mich unterstützt, wo ich Unterstützung brauchte und mir alle Freiheiten gegeben, mich wohlzufühlen und weiter zu genesen.

Und obwohl es nicht vereinbart war, haben sie mich mit leckeren, nahrhaften Speisen versorgt. Manchmal tut mir so ein Abschied weh. Besonders wenn ich auf so wunderbare Menschen wie Laura und Greg treffe, die mit ihrem Chalet ein kleines Himmelreich für müde Wanderer geschaffen haben.

Dann mache ich mich auf den Weg nach San Francisco. Weit habe ich es heute nicht. Es sind höchstens 15 Meilen bis zur Golden Gate Bridge.

Ich wähle den Weg entlang der Küste. Gleich zu Anfang muss ich erst einmal aus dem Talkessel raus, in dem Pacifica liegt.

Ich bin noch nicht aufgewärmt. Der Kreislauf noch nicht in Schwung. Und so fallen mir die ersten Minuten bergauf doch schwer.

Aber nach etwa 30 Minuten wird es leichter. Ich erreiche den höchsten Punkt. Ab dann geht es bergab und bis zum Golden Gate Park flach weiter.

Immer die Küste entlang und den größten Teil auf einem separaten Radweg, der an den Dünen entlangführt.

Wie zuvor in Pacifica am Strand treffe ich auch in diesem Abschnitt auf Surfer, die ihr Board vorbereiten. Dieser hat sich einen kleinen Anhänger gebaut, um sein Surfboard und das zugehörige Equipment zu transportieren.

Er ist so gut ausgestattet, dass er selbst an kalten Wintertagen in seinem beheizten Surfanzug seiner Leidenschaft frönen und dabei nicht zu frieren braucht. Ich bin beeindruckt …

Ich erreiche den Golden Gate Park, der eine kleine Überraschung für mich bereit hält: einen mehrgeschossigen Gallerieholländer, der über die Baumwipfel hinausragt. Für einen Augenblick machen sich Heimatgefühle breit.

An einem Teich mache ich Halt. In ihm haben sich Massen an Grünalgen ausgebreitet und geben dem Teich einen ganz reizvolles, leuchtend grünes Aussehen.

Und dann taucht auch schon die Golden Gate Bridge auf. Diesmal erreiche ich sie aus dem Süden kommend. 1983 näherte ich mich der Brücke von Norden kommend.

Es war das gleiche Glücksgefühl, das mich durchflutete, als ich die Brücke in ihrer ganzen Schönheit und Größe das erste Mal sah. Und auch jetzt ist das Glücksgefühl überwältigend, welches mich beim Anblick der Brücke bewegt.

Ich habe so viele Jahre auf diesen Augenblick gewartet. Manchmal hatte ich den Wunsch bereits abgeschrieben. Kurz darauf den Wunsch wieder hervorgekramt und weitergeträumt. Nun stehe ich hier und kann mein Glück kaum fassen. Selbst meine Rückenschmerzen treten in diesem Moment in den Hintergrund.

Die elegante, filigran anmutende Bauweise kaschiert die wahre Größe dieser Hängebrücke.

Die Brücke verbindet die Marin Headlands im Norden mit El Presidio im Süden und überspannt dabei das Golden Gate, den Eingang zur Bucht von San Francisco.

Es dauert gut 90 Minuten, bis ich den Zugang zur Brücke erreicht habe. Das dortige Informationscenter wird von Menschenmassen belagert.

Dank einer guten Radwegführung komme ich bis zum Zugang zur Brücke ohne Schwierigkeiten voran. Auf der Brücke macht es wegen der unzähligen Besucher Sinn, das Fahrrad zu schieben.

Für ein Erinnerungsfoto steige ich dennoch kurz aufs Rad. Ansonsten ist es mir zu heikel, auf der Brücke zu fahren. Zu viele Menschen nehmen die ganze Breite von Rad- und Fußweg ein.

Aus beiden Richtungen kommend, fahren immer wieder Rennradfahrer an mir vorbei. Einige scheinen sichtlich genervt zu sein von dem Menschenauflauf, der ständig den Radweg blockiert.

Aufgrund von Bauarbeiten auf der Westseite der Brücke ist der dortige Weg gesperrt. Das verdoppelt dass Verkehrsaufkommen auf dem Rad-/Fußweg der Bay-Seite.

Als ich 1983 die Brücke passierte, hatte ich sie fast für mich alleine. So niedrig war seinerzeit das Verkehrsaufkommen an Radlern und Spaziergängern.

Die Aussicht von der Brücke über die Bucht von San Francisco ist unbeschreiblich.

Von Marine Headland über Saucalito schweift mein Blick in die Runde, verliert sich im östlichen Teil in der im Dunst liegenden Ferne und erreicht dann weiter nach Süden gehend die San Francisco-Oakland-Bay-Bridge und San Francisco mit El Presidio.

1983 war El Presidio noch ein Militär-Stützpunkt und sein Zutritt verboten. Mittlerweile ist der Stützpunkt aufgelöst und der Stadtteil am südlichen Ende der Golden Gate Bridge für jeden zugänglich.

Die Brücke ist ca 2, 7 Kilometer lang und 27 Meter breit. Der Autoverkehr rollt insgesamt 6-spurig über die Brücke. Und auf beiden Seiten gibt es einen großzügigen Rad-Fußweg. Die Durchfahrtshöhe für Schiffe liegt bei knapp 70 Metern. Die Pylone haben eine Höhe von 227 Meter. Sie stehen etwa 1.280 Meter auseinander.

Leider gibt es auch eine traurige Seite: Die Golden Gate Bridge ist der am häufigsten genutzte Ort für Selbstmorde auf der ganzen Welt.

Nach mehr als 1.500 Todesfällen begann man im April 2017 mit der Installation einer Selbstmordbarriere, die aus einem ca. 6 m breiten Edelstahlnetz besteht, welches etwa 6 m unterhalb entlang des Gehweges verläuft. Die Arbeiten an diesen Sicherungsmaßnahmen wurden im Januar dieses Jahres abgeschlossen.

Die Metallnetze sind von den Fußgängerwegen aus sichtbar. Man geht davon aus, dass der Sturz in dieses Netz sehr schmerzhaft, aber nicht tödlich sein wird. An mehreren Stellen auf der Brücke wurden zusätzlich Notfalltelefone installiert. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Suizidrate nachhaltig zu senken.

Für die Überquerung der Brücke brauche ich etwa anderthalb Stunden. Immer wieder halte ich an und genieße die Sicht auf das Wasser.

Es ist einmal ein ganz anderer Blickwinkel. Ich schaue von oben herab auf wunderschöne Segelboote, die der Wind vorantreibt. Pelikane gleiten über das Meeresgrün, stürzen plötzlich und unvermittelt in die Tiefe, um einen unvorsichtig gewordenen Fisch zu fangen. Robben und Delfine tummeln sich im Wasser.

Es herrscht eine rege Betriebsamkeit über und unter der Wasseroberfläche der Bucht. Ich könnte stundenlang verweilen und dem regen Treiben zuschauen. Irgendwann um die Mittagszeit breche ich ab und mache mich auf den Weg nach Sausalito.

Der Ort hat sich seit den achtziger Jahren sehr verändert. Ein moderner Boardwalk. Ein kleiner gepflegter Park.

Bunt gestaltete Briefkästen …

Ein Haufen Surfboards und Kajaks für zahlende Touristen …

Eine gut restaurierte, historische Straßenzeile …

… und nur wenige, mittlerweile renovierte und modernisierte Hausboote. Nichts erinnert mich an das bunte, alternative Leben der frühen 80er Jahre.

Die Marina spiegelt den gesellschaftlichen Wandel der Menschen, die sich hier niedergelassen haben, wider.

Wenn ich auch vieles vermisse, so muss ich doch zugeben, dass sich zwar einiges verändert hat, aber das pulsierende Leben dennoch geblieben ist. Es zeigt sich nur in anderer Form. Und das ist gut so.

Für 9 Dollar nehme ich die Fähre, die mich am späten Nachmittag nach San Francisco rüber bringt. Die meisten Fahrgäste sind Radfahrer, die von San Francisco aus über die Golden Gate Bridge geradelt sind und nun die Heimreise mit der Fähre antreten.

Rechterhand liegt die Golden Gate Bridge im gleißenden Licht der sinkenden Nachmittagssonne.

Linkerhand passieren wir die Alcatraz -Insel mit ihrem ehemaligen Hochsicherheitsgefängnis, welches schon 1983 als Touristenattraktion galt.

Auch heute noch fasziniert die Insel viele Menschen und erregt deren Fantasie, galt Alcatraz doch als das sicherste Gefängnis der Welt.

Vor uns im Süden liegt San Francisco. Es strahlt förmlich im Glanz der Nachmittagsonne mit dem 60 m hohen Coit-Tower, dem 330 m hohen Salesforce Tower, der 260 m hohen Transamerica Pyramide und unzähligen weiteren Wolkenkratzern.

Die Fähre deckt an Pier 41 an. Schon von der Fähre aus ist die touristische Vermarktung der Hafenzeile eutlich erkennbar. Und ich bin gespannt zu sehen und zu erleben, wie sich das bunte Treiben entlang der Pieranlagen heute gestaltet.

Da ich noch Zeit habe, schiebe ich mein Fahrrad die touristische Meile entlang. Ich lasse mich treiben und genieße erstaunlicherweise das bunte Treiben um mich herum.

Die kleine Kapelle unweit der Fisherman’s Wharf …

Diese Hafenanlagen bieten jedem Interessierten etwas …

Fischerboote im Fischereihafen …

… bunt und in Reih und Glied aufgereiht.

Dazwischen genügend Restaurants, um nicht zu verhungern.

Das National Park Visitor Center hätte ich in diesem Gebäude nicht vermutet.

Im Aquatic Cove liegen einige historische Schiffe, die besucht werden können. Darunter der gut restaurierte, im Jahr 1886 erbaute Rahsegler Balclutha und der Eppleton Hall Schaufelradschlepper.

Hinter dieser historischen Kulisse fahren riesige, hochmoderne Containerschiffe vorbei. Der Kontrast könnte größer nicht sein.

Hier erinnert alles an die Seefahrt …

… und selbst die ausgediente Fresnell-Linse hat einen würdigen Platz innerhalb dieser Touristenmeile gefunden.

An vielen Stellen innerhalb der Stadt machen rotleuchtende, prachtvoll blühende Bougainvillea auf sich aufmerksam.

Langsam verschwindet das Sonnenlicht. Es wird Zeit, dass ich mich auf den Weg zu meinem heutigen Quartier mache.

Dabei komme ich auch an den berühmten Cablecars vorbei, die aus dem Stadtbild von San Francisco nicht wegzudenken sind.

Gefühlt alle fünfzehn Minuten setzt sich ein Waggon in Bewegung und befördert die Menschen durch die Stadt. Diese Cable Cars sind noch heute eine der ganz großen Attraktionen dieser Stadt.

Am jeweiligen Ende der Gleisstrecke befindet sich eine kleine Drehscheibe, auf der die Waggons in die entgegengesetzte Richtung gedreht werden. Dieser Vorgang wird von Hand durchgeführt.

Die Waggons werden vom Zugseil entkoppelt. Dann rollen sie auf die Drehscheibe. Hier werden sie um ca. 160° gedreht. Dazu bedarf es ein bis zwei Mitarbeiter, die den Waggon in die richtige Position bewegen. Anschließend wird der Waggon von 3 Mitarbeitern von der Drehscheibe geschoben. Erst dann wird er wieder an das Zugseil angekoppelt.

Mich erstaunt, wie lang selbst am Abend die Warteschlange am unteren Ende der Fahrstrecke ist.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, mache ich mich endgültig auf den Weg zu meiner heutigen Gastgeberin, die nur wenige 100 m südlich Aquatic Cove eine Wohnung hat.

Ich werde herzlich von ihrem Mann empfangen. Das Fahrrad wird sicher in der Garage verstaut. Im 3. Stock erwartet mich Leah bereits. Sie zeigen mir mein Zimmer, das für diese Nacht mein Zuhause sein wird. Es ist großzügig, hell und gut ausgestattet.

Die großen Fenster geben eine fantastische Aussicht auf die davor liegende Stadt frei. Und während sich draußen langsam die Nacht über die Stadt senkt, gehen in den Häusern nach und nach die Lichter an und geben der Stadt ein ganz besonderes Flair.

Nach der Dusche gibt es ein gemeinsames Abendessen. Und auch dieses Mal kommen die Gespräche miteinander nicht zu kurz. Beide helfen mir, den morgigen Tag in der Stadt zu planen.

Irgendwann stelle ich fest, dass es Zeit ist, zu Bett zu gehen. Mein Rücken und ich sind dankbar für die gute Matratze. Und dankbar für dieses wundervolle, ruhige Quartier.

Ein Tag in Pacifica

20.10.2024

Die Nacht verlief unruhig, was an meinen Rückenschmerzen lag. Und als ich zu einem ausgiebigen Frühstück zu Laura und Greg ins Haus gehe, schenken sie mir als Erstes einen weiteren Tag in dem Chalet. Dankbar nehme ich an und freue mich auf den Ruhetag.

Dann gibt es ein leckeres Frühstück und obendrein führen wir spannende Gespräche über unterschiedliche Themen. Dabei kommt die aktuelle US-Politik nicht zu kurz.

Ich lasse heute das Fahrrad stehen und werde am Nachmittag lediglich einen Spaziergang am Meer entlang unternehmen. Ich laufe immer noch mit schiefer Haltung durch die Gegend und hab nur den Wunsch, dass die Rückenschmerzen bald aufhören.

Dabei erhalte ich von Beiden großzügige, zielgerichtete Unterstützung. Laura arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus, was mir eine große Hilfe ist.

Von meinem Quartier sind es nur 5 Minuten bis zur Strandpromenade. Bei geöffnetem Fenster kann ich im Chalet das Rauschen des Meeres und das Schlagen der Wellen hören. Bei sonnigem Wetter und frühlingshaften Temperaturen breche ich zu meinem Spaziergang auf.

Schnell erreiche ich die Promenade und mische mich unter die zahlreichen Spaziergänger. Es herrscht eine freundliche, entspannte Atmosphäre. Kinderlachen, quitschende Buggies, Jugendliche, Eltern, Großeltern – alle fröhlich und in ausgelassener Stimmung unterwegs. Ich genieße diese Stunden und lasse mich treiben.

Auf dem weit ins Meer hinausragenden, kommunalen Pier haben sich viele Angler eingerichtet. Aus ihren kleinen, vieljährigen Handwagen zaubern sie alles hervor, was man für einen erfolgreichen Angeltag braucht:

Angelruten, Angelhaken-Sets, alle Utensilien zum Zerlegen des Fangs. Dazu den Grill, Teller und Bestecke, ganze Batterien an Dosengetränken, diverse Beilagen. Und um den Komfort komplett zu machen: Klappstühle und Klapptische.

An Meeresfrüchten mangelt es nicht. Fische und Krabben scheint es reichlich zu geben. Dauernd ist jemand mit dem Zerlegen des Frischfangs beschäftigt.

Mütter und Väter bringen ihren interessierten Kindern bei, wie man die Angel bestückt. Demonstrieren das fachgerechte Zerlegen von Fischen und Krebsen und lehren ihrem Nachwuchs, welcher Fang dem Meer zurückgegeben und welcher verarbeitet werden darf. Und sie belohnen meine Neugier mit einer delikaten Kostprobe.

Mit dem leckeren Geschmack auf der Zunge, dem salzigen Duft des Meeres in der Nase und der weichen Brise im Haar spaziere ich weiter. Verlasse schließlich die Promenade und wandere im lockeren Sand des Strandes am Meer entlang.

Dem Spiel der Wellen zuschauend, ihrem Rauschen lauschend, verliere ich den Kontakt zu den Anderen und fühle mich in diesem Klima sehr geborgen. Einzig der Wunsch, ein Bad zu nehmen, stellt sich zu keinem Zeitpunkt ein.

Während sich hinter den Dünen die Kolkraben füttern lassen …

… warten draußen vor der Küste Surfer auf die richtige Welle.

Und wenn sie dann kommt, springen sie auf und tanzen auf ihren Boards vor dem Wellenberg der Küste entgegen.

Andere Badegäste nehmen es am Strand mit den Wellen auf und versuchen, ihren Widerstand zu brechen. Dabei steht der Gewinner schon regelmäßig fest.

Hinter dem Dünenwall, über den die verlängerte Promenade in Form eines Sandweges verläuft, liegt der kommunale Golfplatz mit einem reichen Bestand an alten Zypressen …

… gepflegten Greens …

… kleinen versumpften Arealen…

… und einem harmonischen Landschaftsbild. Hier scheinen die uralten Baumriesen geschützt zu sein. Außerhalb dieser Golfanlage finde ich diese wunderschönen Bäume nur vereinzelt im Ortschaftsbild.

Während ich mich im Licht der untergehenden Sonne auf den Heimweg mache, ziehen die Angler in einem fort einen Fisch nach dem anderen an Land.

Ich genieße noch die untergehende Sonne mit ihrem Licht- und Farbenspiel, bevor ich mich auf den kurzen Heimweg mache.

Dort warten bereits meine Gastgeber mit dem Abendessen auf mich. Ihre Tochter Ayla lebt in San Francisco und arbeitet in einem Bikeshop. Ich würde sie gerne aufsuchen, da ich Ersatzteile und Frontroller für mein Fahrrad brauche.

Ich erhalte noch einige gute Tipps für die Route, die ich morgen nehmen will. Dann wird es auch schon Zeit, zu Bett zu gehen. Es war ein ruhiger Tag, der meinem Rücken gut getan hat und ich hoffe, dass ich morgen Früh starten kann.